Freitag, 13. April 2007

...

Gegen den Frust ankaufen. Ziemlich teuer, aber wirkt für ein paar Stunden.

Mittwoch, 11. April 2007

Meine Ente. Die Gelbe.

Ich habe meine gelbe Ente verschenkt. Meine gelbe Ente. Nur ein Plüschtier, würden viele sagen. Aber sie war mehr als das. Sie war Reisebegleiter, Anstarrobjekt, Wurfgeschoss, Zuhörerin.
Aber ich habe sie verschenkt an jemanden, der sie dringender braucht als ich.
Jemand, der mir sehr viel bedeutet.

Und jetzt zweifle ich schon, ob es richtig war. Paradoxerweise hat mich jene Person, die nun die Ente besitzt, in eine Situation gebracht in der ich meine Ente vermisse.

Ich vermisse es, sie auf mein zweites Kopfkissen zu legen und meine Gedanken ausschließlich auf ihre zwei weißen Paddelfüße, ihren gelben Rumpf samt Kopf, die eher aussehen als wären sie vergilbt, als das man glauben könnte, dass sie schon immer so gelb sind, ihre stechend gelben Binnfaden-Schlitz-Augen, ihren weißen Schnabel, ihr weißes, sehr schmales Band, das sie um den Hals trug und sogar ihr weiß-graues verblichenes Schildchen zu konzentrieren. So konnte ich wirksam andere Gedanken vertreiben oder zumindest kurzzeitig vergessen, und mich beruhigen.

Ich vermisse es, sie mit aller Kraft gegen meine rote Rauhputzwand zu werfen, und dann wieder auf zu fangen. Ich lag dabei mit dem Rücken auf dem Bett, die Füße am Kopfende den Blick starr auf die Dachschräge gerichtet. Ich fand heraus, dass sie besser von der Wand abspringt, wenn man sie so wirft, dass sie um ihre Querachse rotiert und mit ihrem Hinterteil zuerst aufkommt. So konnte ich zum einen Aggressionen abbauen, zum anderen aber auch geduldig und beharrlich über ein Problem nachdenken.

Ich vermisse es, ihr die dümmsten Sätze zu zuwerfen, und abzuwarten wie sie reagiert. Oder ihr abends sachte an der Stelle, wo ihre Ohren hätten sein sollen, die Veränderungen, die der Tag mit sich brachte, einzuflüstern. Manchmal schwieg ich sie auch einfach nur an, zufrieden damit, dass sie, als einzige andere Person im Raum auch ihren Schnabel hielt, und es -wie ich- genoss. Sie selbst klagte nie über ihre Probleme, stellte keine Forderungen und war einfach zufrieden damit, in meinem Bett wohnen zu dürfen.


Nun sitzt da ein komischer Elch in meinem Bett - aber der prallt nicht von der Wand ab, egal wie ich ihn werfe, sondern fällt immer nur gerade nach unten, so dass ich mich bewegen muss, um ihn wieder zu bekommen.

Ich habe meine gelbe Ente verschenkt. Vielleicht vorschnell.

Montag, 9. April 2007

Das Warten. Das Gesparte.

Die weißen Orchideen in ihren roten Haaren
schneidet sie ab; und die Haare gleich mit.
Unverzeihlich. Aber sie kann doch nicht immer
nach dem Waschen warten bis sie trocknen und
die Blumen waren verblasst und stanken schon.

Ihre Brille legt sie auf die Fließen und springt
mit Anlauf darauf. Ungenügend. So reißt sie sich
die Augäpfel heraus und tut sie in einen Glas
neben ihrem Bett, denn sie kann doch nicht
immer warten bis sie morgens die Augen öffnet.

Überdrüssig ist sie ihrer Fingernägel. Deshalb zupft
sie diese einzeln heraus und schnippt sie aus dem
Fenster. Unvorstellbar. Aber sie kann doch nicht
immer warten bis der Nagellack getrocknet ist. Und
die Zeit fürs Schneiden spart sie auch für eine Weile.

So sitzt sie kurzhaarig, blind und fingernägellos vor
dem Telefon. Und wählt und wählt immer die gleiche
Nummer, vergebens. Und tippt Kurznachricht nach
Kurznachricht, umsonst. Er geht nicht an das Telefon
und schreibt nicht zurück. Aber das macht nichts.
Sie kann ja warten bis er sich endlich meldet.

Freitag, 6. April 2007

...

Ich wollte schon immer mal wissen, ob ich eigentlich die personifiinfizierte Pest bin.

Samstag, 10. März 2007

Das Piano. Das Menschenanziehende.

Den Blick stur auf die Aufzugstür gerichtet, sitzt der kleine Junge am Flügel der Hotellobby und hämmert, als wäre der Leibhaftige in seine Glieder gefahren, auf der Tastatur des Steinways herum. Gerade so reichen seine Füße an die Pedale, die er tritt als wäre er Abwehrspieler beim Fußball und müsste den Ball weg grätschen.

Die Menschen fließen wie ein Lavastrom, der sich an einer Friedhofsmauer bricht, um den Jungen und das Piano herum.

Der Geschäftsmann, der schnell an ihm vorbei schreitet, und einen billigen, an vielen Stellen abgewetzten weißen Anzug trägt, nimmt kaum Notiz von ihm, denn er spricht aufgeregt in sein Mobiltelefon, wobei er Wörter verschluckt.
Das alte Ehepaar, das zwei Siam-Katzen in Käfigen mit sich führt und gerade einchecken will, streitet sich darüber, welcher Gattung der Neuen Musik dieses Stück zu zu rechnen sei.
Die Empangschefin wundert sich, dass sie niemand informiert hat, dass ein Wunderkind in ihrem Hotel gastiert und schätzt ihn, mit geübtem Blick, auf sieben Jahre.
Der Page, der gerade das Golfbag eines berühmten Golfers trägt, der gerade zum nächsten Turnier abreist, beneidet den Jungen um seine Jeans von Dolce & Gabbana, die sicherlich ihre zweihundert Euro gekostet hat.
Der Golfstar selbst, der neben dem Pagen geht, und eines dieser hässlichen rosanen Poloshirts trägt, hinterlässt eine kurze Erinnerung in seinem PDA, dass er für seinen Geburtstag in der darauffolgenden Woche noch eine Band braucht.
Der Hausmeister steht ergriffen in seinem Kämmerchen an der Tür gelehnt, durch die die Klänge des Pianos gedämpft klingen. Er wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und putzt sich mit einem gebrauchten Taschentuch aus seiner rechten Hosentasche die Nase.

Die Menschen fließen wie ein Lavastrom, der sich an einer Friedhofsmauer bricht, um den Jungen und das Piano herum.

Die Eltern des Jungen haben die Suite zwei mal nach ihrem Sohn durchsucht, sind der Verzweiflung nahe und durchstreifen jetzt die komplette Etage. Sie war ja von Anfang dagegen ihren Sohn unbeaufsichtigt zu lassen während sie Schlammbäder im Wellnessbereich nehmen. Er war sich sicher, dass ihrer beider Sohn vernünftig ist und die Zeit, in der sie nicht da sein werden, auf seiner Playstation 2 spielen wird.

Der Junge fühlt sich während dessen völlig vereinsamt; und hatte nie Klavierstunden. Die Menschen nimmt er nicht wahr. Es beruhigt ihn möglichst schnell abwechselnd die schwarzen und weißen Tasten zu drücken. Schwarz. Weiß. Schwarz. Weiß.

Mittwoch, 7. März 2007

Das Selbstbildnis. Das Unverhoffte.

"Was man begonnen hat, muss man auch beenden", war seit jeher Luciens Motto und so verbrennt er alle seine Bilder, damit er genug Asche hat, die er auf sein Haupt streuen kann. (Die Asche seines vor drei Jahren verstorbenen und verbrannten Havanesers hatte nicht gereicht.) Alle seine Werke verbrennen in diesem wunderbaren Feuer in seinem Pool hinter dem Haus rückstandslos zu Asche. Alle; alles bis auf eines: rote und schwarze Punkte zieren willkürlich die Leinwand, gerade so als wäre ein nasenblutender Mann mit dreckigen Fingern über das Bild gekrabbelt; sein Metallrahmen weigert sich zu verbennen. Bestürzt fischt Lucien den Rahmen aus dem Feuer, hängt ihn sich um den Hals, und fügt sich so schwere Brandwunden an Händen, Hals und Schulterblättern zu.

Doch am nächsten Tag treiben ihn nicht die physischen Qualen, sondern der Schmerz über sein verbranntes Lebenswerk zu ungeahnter schöpferischer Qualität an. Sein erstes Bild zeigt einen nackten, verschwitzten Mann, der einen Kleiderbügel als Krone auf dem Kopf trägt und ganz alleine auf seinem Bett herum springt.

Montag, 5. März 2007

Der Mond. Der Pathetische.

Ich wickle den dreckigen, roten Mond in
Frischhaltefolie und friere ihn tief ein.
Neben dem Kohlrabi und den Möhrchen
liegt er da auf kaltem, blankem Eis.
Wenn ich ihn dann wirklich brauche,
und ihn nicht sehen kann,
weil zuviele Wolken am Himmel sind,
weil es neblig ist,
weil es hell ist,
dann hole ich ihn, wickle ihn wieder aus,
taue ihn auf, und brate ihn mir in der Pfanne
bis er schwarz und knusprig und verbrannt ist.
Dann werfe ich ihn ihn auf den Müll,
weil er ein unsägliches Pathos-Objekt geworden ist
und nichts dagegen gemacht hat.

Samstag, 3. März 2007

Der Kampf. Der Ewige.

"Ich bin nicht gut in solchen Dingen", spricht der Boxer und malt weiter Gänseblümchen auf eine Porzellanvase. Hässliche Gänseblümchen auf einer hässlichen Vase. Bald legt er den Pinsel ab, und betrachtet zufrieden sein Werk. "Die schenke ich meiner Angebetenen", bringt er noch heraus, ehe die Vase ihm aus den zerschundenen Händen gleitet und am Boden zerbricht. "Hat nicht sollen sein", bemerkt er lakonisch und kehrt in seine Boxhalle zurück, wo er sich weiter auf seinen nächsten Kampf vorbereitet. Er wird wieder hässliche Veilchen in die hässliche Visage seines Gegners malen, da ist er sich sicher;
denn ungeschlagen sei er und niemand ist in Sicht, der dies ändern könne.

Eines Tages wird er dann doch einen Kampf verloren haben - irgendein junger Wilder hat ihm in der Umklammerung andauernd Schläge in die Nieren verpasst - und daran zerbrechen. Er wird dann umschulen müssen. Vielleicht Töpfern, oder zumindest den Lehm aus der Grube graben. Denn Muskeln wird er dann immer noch haben, nur keine Kraft mehr.

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