Samstag, 21. Oktober 2006

Die Blicke. Die Verunsichernden.

Ich würde gerne Blicke einordnen können; einordnen können mit 100%iger Sicherheit.
Ich mag nicht zweifeln, ob mich jemand im Bus deswegen ansieht, weil ich Erdbeermarmelade vom Frühstück unter dem linken Auge hängen habe, oder weil die Musik aus meinen Kopfhörern bis zu ihm dringt und er sich freut, dass ich einen so guten Musikgeschmack habe und er fürchterlich genervt ist.
Ich will nicht dadurch verunsichert werden, wenn Freunde von mir, mich -meiner Meinung nach- kurz traurig und/oder besorgt ansehen, aber auf mein Nachfragen hin sagen, es sei nichts.
Ich ertrage es nicht, mir Hoffnungen zu machen auf Grund von Blicken, die länger sein könnten als üblich - vielleicht hatte ich ja auch nur Marmelade unter dem linken Auge hängen, den ganzen Tag schon.
Aber je öfter man meint diesen Blick auffangen zu können, und Woche für Woche glaubt, dass er immer länger wird, desto mehr reizt es einen, diesen Blicken klärende Taten und Worte folgen zu lassen.

Mittwoch, 27. September 2006

Der Aufschlag. Der Unpoetische.

*krtschzks*

Diagnose:
Komplizierte Fraktur des Hoffnungsnerven.

Behandlung:
Sieben Tage völlige Starre.

Dienstag, 26. September 2006

Das Handtuch. Das Verregnete.

Es schüttet aus allen Eimern. Ich sitze auf einer klammen Bank in der Haltestelle und warte auf die Straßenbahn. Sie rennt die letzten Meter bis zum schützenden Dach - vergebens, denn sie ist völlig durchweicht. Weißes Top, weißer BH, weiße Hose. Mit ausdrucksloser Miene holt sie aus ihrer kleinen Tasche ein verwaschenes, blaues Handtuch hervor, trocknet sich oberflächlich ab und schlingt es sich dann um Rücken und Schultern. Mein Blick klebt noch immer auf den nassen, kräftig blauen Flecken, als ein paar Minuten später meine Straßenbahn kommt. Vor ihren Augen klappe ich demonstrativ meinen Schirm - meine Mutter nimmt ihn immer für Besuche von Beerdigungen bei schlechtem Wetter - zusammen und sehe nur noch wie sie ihr Handtuch einem Typen - wohl ihr Freund - um die Hüften wirft und ihn an sich zieht.

Mein verstörtes Grinsen haftet auf dem gebogenen Griff meines Regenschirms - deutlich zu eng für alle Hüften dieser Welt. Ich werde wohl ein Stück weiter oben ansetzen müssen. Irgendwann. Wehmütig steige ich ein.

Freitag, 22. September 2006

Der Vorgang. Der Entschwindende.

Warst du überrascht, dass wir nie miteinander gesprochen haben? Dann in der Stille der Nacht - wenn nichts sich bewegt - wachte ich auf und sammelte ein paar Kleider auf. Ich habe dies niemals beabsichtigt, aber es geht seinen Weg und jetzt sieht alles so vertraut aus wie umgeblätterte Seiten auf Kalendern. Wir bekamen die gleichen zwölf Monate, um die Dinge kaputt zu machen - Jahr für Jahr - und ich kann nicht glauben wie niedergeschlagen ich bin; so tief wie der Brunnen in dem ich mich versenkt habe, das Wasser hört nicht auf, der Eimer bringt uns weiter und weiter nach unten. Ich vermute, dass du mich niemals gekannt hast, oder zumindest nicht gut genug. So lasse ich Rotwein meine Kehle hinunterlaufen bis mein Gehirn sich ausschaltet und meine Augen erblinden. Du wirst mich in der der dicken, schwarzen Luft dort nicht sehen. Ich werde endgültig etwas verschwinden lassen, weil ich das verschwinden geübt habe und es kapiert habe: es gibt keine Sonne, sondern nur Keller. Nirgendwo ist der Himmel; es ist nur schwarzer, schwarzer Dreck. Die Erweiterung nach außen lässt ausgerechnet Antworten widerhallen; nicht dass es eine Rolle spielen würde, ob es zurück oder vorwärts geht. Unglücklich Liebende mit Körben voll Blumen benutzen diese als Markierung für den Ort wo dein Bett stand, zur einer Zeit als es sich noch gut anfühlte. Aber du wirst dieses Gefühl zurück bekommen, du brauchst nur irgendwas zu trinken und so fülle ich meinen Darm mit diesem Rotwein bis mein Inneres schwimmt und meine Adern sich abspulen. Ich werde da ein Mal in dieser heißen, weißen Luft liegen und bemerken, dass etwas vergangen ist, was vielleicht niemals wieder erscheinen wird.

Mittwoch, 20. September 2006

Die Gelegenheit. Die Baldig-Erhoffte.

Nur eine kleine Unachtsamkeit des Schicksals, völlig unnötig und überflüssig, und schon schlittere ich in das tiefe, dunkle Loch. Doch das lasse ich nicht mit mir machen - diesmal. Ich beschließe erst noch sieben Tage lang zu fallen, in der Schwebe zu sein, dem siebten Himmel, aber auch dem Lochboden fern zu bleiben, ehe ich sanft aufschlagen werde. Du Schicksal, du schillernder Regenbogen eines räudigen Nachthimmels, gib mir noch eine Möglichkeit mich an ihren Haaren selbst aus dem Verlies zu ziehen.

Dienstag, 19. September 2006

Das Schreiben. Das Verfesselte.

Manchmal hat man eine wunderbare Idee und kann schreiben ohne zu wissen, wo man endet. Und manchmal weiß man wie ein Text schließen soll, und sucht nur nach dem richtigen Beginn - dem Satz, der alles wunderbar eröffnet. Manchmal spielt es auch einfach keine Rolle, ob ein Text Qualität besitzt.

Aktueller Stand:
[ ] Idee
[ ] Schluss
[x] Bedeutsamer Text

Samstag, 16. September 2006

Die Freiheit. Die Nicht-Existente.

Es war ein Fehler seine schwarzen Armani Mokassins samt Socken in eine Mülltonne zu werfen, nur damit ein Obdachloser bei der nächsten Flut ordentliche Schuhe hat. Aber Yann läuft gerne barfuss, wenn die Straße so warm ist, dass sie durch die Füße den ganzen Körper wärmt und die Gegend ausgestorben ist.

Zu fünft waren wir in die Nacht aufgebrochen. Noch bevor wir die erste Bar betreten hatten, verloren wir Pierre. Seine Nachbarin rief auf seinem Handy an, und erzählte ihm, sie würde Kotzgeräusche aus seiner Wohnung hören. In der Befürchtung, dass sein einziger Mitbewohner, sein Hund, den versteckten Schokoladenvorrat geplündert hatte, rannte Pierre zur nächsten U-Bahn Station. Als nächstes, gerade betraten wir die Garderobe der ersten Bar, musste sich Rick verabschieden. Ihm würde eben einfallen, weshalb seine Frau seitdem er von der Arbeit zu Hause war, ihm gegenüber sehr gereizt reagierte, teilte er uns mit. Joe brummelte etwas von "Hochzeitstag vergessen?", Quentlin fügte noch ein "oder gar ihren Geburtstag?" hinzu. Nein, diese Ereignisse wären für dieses Jahr schon überstanden, versicherte uns Rick. Er hätte sich heute Nachmittag doch nur frei nehmen sollen, weil da die Beerdigung ihres Vaters war. Hoffentlich kann das einen Blumenstrauß wieder gut machen, sprach er, und verschwunden war er in Richtung der nächsten Tankstelle. Nach der ersten Runde Bier verdrückte sich Joe erst einmal auf die Toilette und nach exakt 37 Minuten - wir stoppen so etwas immer -, in Begleitung einer leichtbekleideten Blondine - die Geldscheine schauten noch aus ihrem BH hervor -, zu sich nach Hause. Sein Siegeszwinkern haben Quentlin und ich auch jetzt noch, nach einem halben Dutzend Tequila Runden, vor Augen. Gerade debattierten wir lautstark darüber, ob "Garden State" oder "Kontroll" den jeweils passenderen Soundtrack besitzen, als Quentlin mitten im Satz mit dem Kopf auf den Tisch knallte. Angewidert von seinen Speichelfäden, die sich auf den Tisch ergossen, legte ich einen Fünfziger auf den Tisch und stürze aus der Bar.

Über Yanns warme Füße läuft sein warmes Blut. Nur mit dem Gedanken beseelt sich sein eigenes, kleines Stück Freiheit aufheben zu wollen, war er mitten in einen Scherbenhaufen gelaufen. "Bei Flut braucht man außerdem keine Schuhe!", schießt es ihm durch den Kopf, ehe er durch den großen Blutverlust geschwächt, in den Scherbenhaufen stürzt.

Dienstag, 12. September 2006

Das Kino. Das Mittwöchige.

Sie trägt einen Hut. Es könnte Filz sein. Ich kann es nicht genau erkennen, da das Licht recht schummrig ist und ich etwas versetzt fünf Reihen hinter ihr sitze. Mit einem Kribbeln im Magen als würde dort ständig Mais zu Popcorn, nehme ich auf dem Satinimitat Platz. Ich lasse sie die nächsten Minuten nicht aus den Augen, bis sich der schwere samtene Vorhang öffnet und die Leinwand den bekannten fünfzehn Sekunden Countdown, der drei Sekunden vor Schluss endet, zeigt.
Noch ehe der Abspann vorüber ist, ist sie verschwunden. Allerdings bin ich mir fast sicher, dass sie auch nächsten Mittwoch wieder hier sein wird.

Letzten Mittwoch sah ich sie. Sie trug schwarz-weiße Chucks aus Segeltuch mit einem selbstgemalten Schachbrettmuster und warf mir, wie auch die Wochen zuvor, einen unsicheren Blick zu - oder hat sich meinen nur erwidert?

Morgen Abend heißt es: "Läufer auf D8". Hoffentlich.
Hoffentlich aber nicht: "Matt".

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